Flohmarktcore

Ich gehe gern auf Flohmärkte. Letztens erst wieder, zusammen mit ein paar Freunden, die auch gern auf Flohmärkte gehen. Das Angebot ist bunt, von edlen und überteuerten Antiquitäten bis billigem Klingelklöterkrams unbestimmter Herkunft ist da alles zu finden. Profis, Amateure, fliegende Händler aus aller Herren Länder. Große Stände, kleine Buden, babylonisches Sprachgewirr, Jubel, Trubel, Heiterkeit. Klar, wo Trubel, da auch Taschendieb, aber man passt ja auf, ist nicht das erstemal hier und an der Ecke, bei der Currywurstbude, steht ein Streifenpolizist und alles ist gut. In dem bunten Treiben fallen sie eigentlich gar nicht auf, die Männer mit den Sonnenbrillen, dem Talkback am Ohr, gut getarnt in Hawaiihemden und Badelatschen. Nur diese, offenbar prallgefüllten, schwarzen Aktentaschen und der Praktikant, der auf einem Bollerwagen die Registrierkasse hinter sich herzieht…

Es herrscht bunter und lauter Trubel allerorts und wenn man genau hinhört, dann gibt’s auch tolle Musik zu entdecken. Manchmal auch an Ständen, wo der Händler so aussieht, als sei er drauf spezialisiert heruntergefallene Schallplattenkartons von tunichgutdistanischen LKWs einzusammeln… aber ich muss ja nicht bei dem kaufen. Das Internet macht’s ja längst möglich direkt bei Tunichgutistan Records zu bestellen oder bei iTunes oder bei Obi. Egal, aus dem Ghettoblaster tönt Musik, richtig gute Musik, auch wenn sie nicht so richtig gut klingt. Naja, die kleinen Lautsprecher könnens nicht besser. Das liegt wohl in der Natur der Sache. Trotzdem, die Musik gefällt mir und ich sag zu meinen Freunden: “Hey, hört ihr das auch? Tolle Musik!” Und weil’s so laut und trubelig ist, fragt einer “Wo denn?” Ich zeig mit dem Finger in Richtung der kleinen Plattenbude aus Tunichgutstanien und antworte: “Da! Hör doch mal…

Das hätte ich besser nicht getan, das mit dem Finger und dem zeigen. Kaum hatte ich in die Richtung, aus der die suboptimal klingende Musik kam, gezeigt, sprang mich auch schon der Praktikant einer dieser hawaiihemdengetarnten Sonnenlichtbrillen Gestalten an und schlug mir seinen prallgefüllten Aktenkoffer um die Ohren. Mr. Hawaiihemd zückte einen Umschlag und drückte mir eben diesen ins Gesicht. “Du bist abgemahnt und ich bin vom MI 2.0“. Verdaddert öffne ich den Umschlag und lese:

Du bist abgemahnt. Du hast mit dem Finger in Richtung von dem da gezeigt. Dem da können oder wollen wir nix. Aber dir, dir hacken wir den Zeigefinger ab, wenn du uns nicht sofort 800 güldenen Taler zahlst und wenn du nochmal zeigst, dann Finger ab. Ab, ab, ab!!!

Und wenn sie mir den Zeigefinger nicht ins Ohr gesteckt haben, dann zahle ich noch heut’.

——– The End ——–

Klingt unrealistisch, die kleine Flohmarktgeschichte? Dann fragt mal Nerdcore René, aber immer schön auf den Zeigefinger achten. Die Männer von der MI 2.0 sind überall. Sie haben es verdient, das man überall mit den Zeigefingern auf sie zeigt. Sie sind da, immer dem Finger nach, da wo das Spottlied erklingt. Ihr habt es euch verdient.

Pop music is about saying Fuck me.
Rock and roll is about saying Fuck you.
René zitiert Chrissie Hynde und ich zitiere René und Chrissie. Weil sie Recht haben.

Nachgelesen: Im Spreeblick trifft Lesenswertes und vorpubertär Säuerliches in den Kommentaren zu Oha aufeinander. Und Julio Lambing titelt provokativ Keine Solidarität, sondern eine Entscheidung.

Empfangen und nachgelesen: Johnny Haeusler schreibt einen offenen Brief an Musikschaffende.

Nachgelesen und abgenickt: Ärgerliche Sprachrestprodukte, lesenswert und mit Trackback bedankt.

Kommentare

10 Kommentare zu “Flohmarktcore”

  1. Musikdieb am 19. Juni 2006 2:27 pm

    Kein schlechter Vergleich. Ich muß ja auch noch was zu der Geschichte schreiben. Bei dem, was da schon so alles im Netz passiert, kann ich mich wahrscheinlich mal wieder hauptsächlich auf’s Verlinken beschränken ;-)
    Kennst Du schon den Song “ich mahn dich ab”?
    http://media1.podster.de/romanel/ich%20mahn%20dich%20ab.mp3

    Hier auch als einzelne Spuren zum “Mashen”:
    http://nilzenburger.blogspot.com/

  2. Boogie am 19. Juni 2006 3:13 pm

    Jepp, das Lied hab’ ich im Beitrag unter “Spottlied” verlinkt.

  3. nilz am 19. Juni 2006 5:15 pm

    das ist der mit abstand wunderbarste artikel den ich bislang über die ganze chose gelesen habe. grossartig!

  4. Musikdieb am 19. Juni 2006 5:40 pm

    Stimmt, der müsste eigentlich auch unter einer CC-Lizenz stehen, um möglichst gute Verbreitung zu gewährleisten! Sorry, dass ich den Song doppelt gepostet habe, bin wohl mal wieder zu unaufmerksam gewesen.

  5. problematik.net am 19. Juni 2006 6:37 pm

    beisst nicht die hand, die euch füttert!

    die musikindustrie muss noch viel lernen. grosse defizite im umgang mit kunden, davon kann auch rené ein liedchen singen

  6. musikdieb.de » Urheberrecht und der Abmahnwahn am 20. Juni 2006 12:30 am

    […] Ich muss zugeben, auch wenn ich für mehr Freiheit beim Urheberrecht bin: zuerst war meine Reaktion ein wenig ähnlich wie die von Mr. Hyde bei F!xmbr. Die momentane Rechtslage sollte jedem klar sein. Auch wenn man sie noch so falsch findet (wie auch ich), muss man damit rechnen, abgemahnt zu werden, wenn man auf bestimmte Dinge wie unberechtigt angebotene Musik verlinkt. Ich tue das nach Möglichkeit auch nicht, auch wenn es sicher oft gerne tun würde und es mir mehr Klicks bringen würde. Auch wenn das vielleicht “feige” ist und viele Blogger, auch im Ausland, da “dreister” sind. Die berufen sich z.B. auf die amerikanische Fair Use-Regelung und verlinken immer auch auf die Kaufversion des Songs. […]

  7. Webrocker » Und die Verunsicherung nimmt zu… am 21. Juni 2006 7:04 am

    […] halten, was die Kommentare angeht. Man kann aber auch selbst einen Kommentar verfassen, oder ein trackback von der eigenen Seite ausmachen. […]

  8. bed am 23. Juni 2006 1:08 pm

    Prima Vergleich, was aber, wenn nun ein paar Freunde von dir rein zufällig mal den den Hawaiianer anrempeln? Würde dem vielleicht die Lust aufs Flohmarkt bespitzeln vergehen?

  9. Boogie am 23. Juni 2006 1:18 pm

    Ich werd dann zumindestens nicht der sein, der den Krankenwagen ruft.

  10. » Blog Archive am 2. April 2008 3:46 pm

    […] slidetone.blog» Blog Archive » Flohmarktcore […]

Na, dann mal los!





    • dings @ identi.ca

      • slidetone:@humpaaa Internet macht doof und wird überschätzt. Bäckerei im eigenen Haus ist hingegen nie zu unterschätzen.
      • slidetone: Jugendsprech lernen mit@motorfm "Tokio Hotel & Britney räten bei den Video Music Awards ab!" Denkt mal jemand an uns Senioren?
      • slidetone:@lanu Vieles wo Chris Spedding mitgespielt hat hilft. Das reicht von den Sex Pistols bis Roxy Music.

      Ist mir Latte

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