Junge namens Susi
Seine Musik begegnete mir das erstemal als ich 11 war. Gesungen von einer Quickborner Riesennase… “Junge namens Susi“, Johnny Cash’s “Boy named Sue“, eins zu eins übersetzt. Ich war schon immer neugierig, was die da im Radio sangen, wenn sie denn englisch sangen und ich kann mich noch erinnern, wie enttäuscht ich war, als ich erfuhr das Sweet’s “Fox on the run” nichts weiter bedeutete als “Fuchs auf der Flucht“. Hey, diese coolen Typen von Sweet sangen so einen Kinderkrams? Das hat mich selbst als Kind empört. Ernsthaft. Trotzdem blieb die “Desolation Boulevard” lange, lange Zeit meine Lieblingsplatte. Sweet sahen eben doch Meilen cooler aus, als diese Riesennase aus Quickborn.
“Junge namens Susi” konnte ich verstehen. Nicht das ich Susi hieß, aber ich konnte den Jungen verstehen. Ich war 11, ernsthaft empört über den Kinderkrams von Füchsen auf der Flucht Geschichten und hatte volles Verständnis für den Jungen mit dem albernen Mädchennamen. Nicht das ich den Glauben an Sweet verloren hätte, denn was ich mir mühsam aus dem Textblatt von “The Sixteens” übersetzte, versprach Anlaß zur Hoffnung.
And life goes on, you know, you know it ain’t easy
You know you’ll never go wrong
‘Cause you’re all part of the sixteens
Aber verdammt, ich war noch keine 16 und solange warten um zu verstehen, warum man nicht falsch gehen kann, wenn man erstmal Teil der 16 ist… hey, nee, nicht mit mir. Ich machte mich, statt dessen, auf die Suche nach dem Jungen namens Susi. Der entscheidende Hinweis fand sich auf dem Plattencover. Das Original wäre von Johnny Cash. Das klang schon mal ganz anders als Mike Krüger. Irgendetwas klingelte im Hinterkopf bei diesem Namen. Ich konnte es nicht ganz einsortieren und beließ es bei der Assoziation zu Old Shatterhand und Karl May. Der örtliche Woolworth Markt, erster Plattenhändler meines kindlichen Vertrauens (ich erstand dort immerhin meine erste Single von den Rubettes und mit “Draw the Line” von Aerosmith meine erste echte Rockplatte), hatte die gesuchte Platte von diesem ominösen Johnny Cash tatsächlich im Angebot. “At St.Quentin“. Eine Schallplatte die irgendwie bedrohlich wirkte und so log ich an der Kasse: “Ich soll diese Schallplatte als Geburtstagsgeschenk für meinen Opa kaufen. Können sie die in Geschenkpapier einpacken?“. Ich hatte das Gefühl, nur so könne ich einer Verhaftung an der Kasse entgehen, oder zumindest verhindern, das man mich auffordert die Platte wieder zurück ins Regal zu stellen, weil man solche Platten nicht an Kinder verkaufen darf. Aber hey, ich war fast 16, mit meinen 11 Jahren, da konnte man mich nicht mehr austricksen. Ich hatte meinen Karl May gelesen und konnte sogar diesen Hatschiehalefebendingsbumselgosara Namen auswenig rezitieren. Und ich hatte bereits eine Sweet Langspielplatte. Und glaubt mir, auf der wurden auch Lieder über Dinge gesungen, von denen selbst ich nichts ahnte und überhaupt. Die “At St.Quentin” wurde, in ziemlich häßlichen Geschenkpapier verpackt, gut getarnt in der Woolworth Tüte nachhause getragen…
Als ich die Platte das erstemal auflegte, hatte ich immernoch, obwohl ja bezahlt und als Geburtstagsgeschenk für einen Erwachsenen deklariert, das Gefühl ich würde etwas zutiefst verbotenes tun. Aber ich zögerte nur kurz und legte den Tonarm direkt auf die Rillen, die die Geschichte vom Boy named Sue erzählten. Die Männer im Publikum lachten dreckig und gemein … aber vor allem lachten sie voller Verständnis. Ich fühlte mich verstanden.
Vier oder fünf Jahre später hab’ ich mir noch die “At Folsom Prison” dazu geholt. Nicht mehr bei Woolworth, aber immer noch mit dem Gefühl verbotenerweise in die Welt von Erwachsenen zu dringen. Ich war jetzt Part of the Sixteens, aber über dem Bett hing kein Sweet Poster mehr. Statt dessen pinnte ich Konzerttickets an die Wand. Eine bunte Mischung aus Queen, Rory Gallagher, Eric Clapton (Support Muddy Waters), aber auch Motörhead, Clash, Ramones, Police… nur Johnny Cash fehlte. Ich dachte, er tritt nur in Gefängnissen auf…
Wenn ich heute so darüber nachdenke, woher dieses Gefühl des Verbotenen kam und warum dieses Gefühl, irgendwo ganz tief im Unterbewußtsein immer noch da ist, wenn ich Johnny Cash höre, dann fallen mir zwei Antworten ein. Die eine Antwort hängt zusammen mit dem Gejohle, das man auf der “At Folsom Prison” hört, wenn Cash singt: “I shot a man in Reno, just to watch him die“. Den Gefangenen des Folsom State Prison war es verboten Beifallsbekundungen zu machen an Stellen wo es um Gefängnis oder Straftaten ging. Das Gejohle wurde nachträglich in die Aufnahme geschnitten. Und dann ist da, besonders intensiv auf einigen der späten American Recordings Aufnahmen, diese tiefe, mystische Religiösität des alten J.R. Cash. Spreeblick Johnny hat das sehr schön in seinem Beitrag zur American Recordings V - A Hundred Ways beschrieben.
Danke Johnny, aber auch Danke Mike Krüger, für den Jungen namens Susi.
Kommentare
8 Kommentare zu “Junge namens Susi”
Na, dann mal los!
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dings @ identi.ca
Jugendliche Plattenkäufe, immer wieder eine tolle Erinnerung! Und The Sweet waren mein erstes Konzert, 1974.
Mein erstes war, soweit ich es rekonstruieren kann, Queen “News of the World” Tour 1978 in der Ernst Merck Halle. Dort fand auch das Wiederholungskonzert von The Clash statt, nachdem das Markthallen Konzert durch einen gelungenen Telecasterweitwurf von Joe Strummer vorzeitig abgebrochen wurde.
An Sweet live habe ich nur eine sehr traurige Erinnerung. Kurz vor seinem Tod sah ich Brian Connoly’s Sweet in der Markthalle. Brian wurde zu Beginn des Konzerts zu einem Gaffa Kreuz vor seinem Microständer geführt und nach dem Konzert holte ihn ein Roadie wieder ab. Der selbe Roadie war Nachmittags mit Brian Connoly in dem Gitarrenladen in dem ich damals arbeitete. Er führte Connoly zu einem Stuhl und sagte zu ihm: “Wait here. I’m coming back to pick you up”. Und da saß er dann, eine Stunde, stumm, regungslos und von Medikamenten aufgequollen.
Big ole nurse all dressed in white
Slaps you on a table in the middle of the night
Then he straps you down real tight
You’re wonderin’, what’d I do?
They hose you down, make sure you’re clean
Wrap you up in hospital green
Shoot you full of Thorazine
The sanitarium blues
Sanitarium Blues - Townes Van Zandt
Haha! “Fox on the run” - die Scorpions haben das mal auf deutsch gecovert unter dem Titel “Fuchs, geh’ voran!”.Total peinlich…
@ Hokey: Es hätte peinlicher kommen können, wenn Klaus Meine es auf japanisch probiert hätte. Ich verweise da nur auf die Tokyo Tapes. Die gab’s damals auch bei Woolworth in der Plattenecke.
Schöner Text. Mein erstes Konzert war Siouxsie & The Banshees, 1986, und auch ich fühlte mich sehr erwachsen. An Wirkung hat dieses Ereignis bis heute nichts eingebüsst. Die erste selbstgekaufte LP weiss ich leider nicht mehr, ich vermute Sekt oder Selters von MMW oder was von den Beatles.
Johnny Cash habe ich ca 1997 in Düsseldorf gesehen. Es ging ihm nicht besonders gut an dem Abend, und ein Teil der Songs wurde von seinem größtenteils talentfreien Sohn gesungen. Aber die Songs, die Johnny selber gespielt hat, waren von alttestamentarischer Bedeutung. Bei “Southern Accents” sagte er: “This Song is so good, I whish I had written it myself.” und er sang ihn auch, als ob das Lied sein eigen Fleisch und Blut war.
Irgendjemand, ich glaube, es war Dobler, schrieb mal vor 2003, das es gut sei zu wissen, das Cash da irgendwo draussen sei. Ich weiss noch, das ich mich damals zimlich vorloren fühlte, als er starb. Um so tröstender ist American V.
Sehr schön, gerade für einen rettungslosen Nostalgiker wie mich. Interessanterweise hatte ich den Sweet-Song immer als „The Six Teens“ in Erinnerung, was weniger ein Alter als die Mitgliederzahl einer Gruppe bedeuten würde. Beim Googeln habe ich dafür auch Indizien gefunden. Ich hoffe, ich zerstöre damit keine Heilige Kuh … „A boy named Sue“ hat übrigens der großartige Satiriker Shel Silverstein geschrieben, der später auch die Veräppelungstruppe Dr. Hook & The Medicine Show mit tollen Texten versorgte. Ein Song heißt „Everybody’s makin’ it big but me” und ist ein einziges satirisches Gejammer über die großen Stars, die alles haben, und man selbst hat nichts – fast: „They got groupies for their bands, all I got is my right hand“ … Silverstein: ganz groß!
Mein Brian-Connolly-Erlebnis war ganz ähnlich. In Marburg wurde er so auf die Bühne und wieder runter gehievt. Das erste Mal, dass ich bei einem Konzert geweint habe, nur wegen des traurigen Anblicks eines alten Helden.
Übrigens habe ich auch ein paar Zeilen über „American V“ verfasst. Wen’s interessiert: Hier steht die Rezension.
Stimmt, Silverstein ist wirklich grossartig gewesen, ist ja auch vor kurzem erst gestorben. Gibt’s eigentlich eine Art Compilation mit seinen Songs? Habe nur eine 70ger Platte von ihm die musikalisch leider ziemlich kacke ist.
@ Matt: Du hast natürlich Recht, der Sweet Song hieß “The Six Teens”. Ich hab’s, weil mir mit 11 der Unterschied durch die Getrenntschreibung nicht klar war, bei “The sixteens” belassen. Keine heilige Kuh, nur eine Jugenderinnerung.
@ Shel Silverstein: Danke für den Tipp mit Dr. Hook.Ich wußte nicht, das “Cover of a Rolling Stone” und “Sylvia’s Mother” von ihm geschrieben wurde. Beides Songs die ich sehr geschätzt habe. Mir ist der Name Shel Silverstein nur einmal wieder begegnet und zwar in meinem Zweitlieblingsfrauenfilm “Thelma & Louise” (der Erstbeste ist latürnich Alien I). Silverstein schrieb für Marianne Faithful “The Ballad of Lucy Jordan”.
@ Compilationbueschel: Wikipedia wirft eine recht beachtliche Menge an Links aus. Was davon besonders empfehlenswert ist, weiß ich allerdings auch nicht. Ich grab jetzt die “Broken English” aus.