Jam & more revisited
Das muß jetzt ca. 10 Jahre her sein, da hab’ ich eine kleine Veranstaltungsreihe in Hamburgs lautester Sauna organsisiert. Jam & More nannte sich die monatliche Veranstaltung und war ein Mix aus Jam Session und Konzert. Die Idee war relativ einfach. Zwei bis drei Bands, die jeweils ein Set von ca. 30 - 45 Minuten spielen. Davor, dazwischen und/oder danach kurze Blöcke mit Jam Sessions der beteiligten Bands miteinander. Die Idee war nicht neu, so gab’ es z.B. den Jesus Müller Club, eine Veranstaltung des Gitarristen und Produzenten Gunther Laudan, die ein ähnliches Konzept hatte. Session und reguläre Gigs in einem gab’ es aber auch schon Jahre zuvor im Logo, organisiert von John Boutkam, einem ehemaligen Radio Moderator und damaligen Betreiber des Clubs. Die Logo Sessions waren noch tief in der Hamburger Blues Szene verwurzelt, hatten aber schon den Ansatz sich in andere Richtungen zu öffnen.
Mich hat die Idee von Sessions immer fasziniert. Gleichzeitig gibt’s kaum etwas grausligeres als eine dahingestümperte Jam über einen Blues in G oder “Sweet Home Alabärmlich” im zigtausensten Aufguß. Dabei können Sessions eine spannende Angelegenheit sein. Es muß ja auch nicht immer die klassische Jam Session im verrauchten Jazz Club sein. Das beste Beispiel, das es auch anders geht, waren wohl die legendären Peel Sessions auf BBC Radio 1.
“People sometimes ask me what I do this show for. I don’t do it for the credibility or the cool, I don’t do it for the major record labels, I don’t do it for the music industry… I do it for people like…. The Undertones.”
John Peel, nachdem er “Teenage Kicks” das zweite mal spielte. Der Undertones Song blieb John Peel’s Lieblingslied. Nachdem am 25.Oktober 2004 die Nachricht von John Peel’s Tod auf Radio 1 verlesen wurde, wurde “Teenage Kicks” gespielt.
Als John Peel von seinem kleinen Piratensender 1967 zu BBC Radio wechselte, gab’ es noch die Regel der “Needle Time”, d.h. es durfte nur ein bestimmter Teil der Sendung mit Musik vom Plattenteller bestritten werden. Anstelle der Vinylmusik sollten Live Orchester mit Coverversionen der aktuellen Hits gefeatured werden. Hinter dieser, heute etwas seltsam anmutenden Regel, stand zum einen die Musicians Union, die britische Musiker Gewerkschaft und die Vertretung der Plattenfirmen, die Phonographic Performances Limited. Zum einen sollte diese Regel sicherstellen, das Orchester Musiker ihren Kühlschrank füllen können und zum anderen (und das war das ausschlaggebende Argument für die “Needle Time” Regelung) sollten die Radiozuhörer in die Plattenläden gehen und die Schallplatten der Originale kaufen. Wenn man die Situation mal auf die heutige Zeit ummünzen würde, erscheint diese Regel zumindest nicht mehr ganz so unsinnig. Gut, die Zeit der großen Radio Orchester ist vorbei und ihr Schicksal war schon zu den Anfangstagen von John Peel bei der BBC besiegelt. Es hätte auch sicher seltsam geklungen, wenn Peel mit Orchesterversionen von The Fall, The Damned, FSK oder den Undertones sein Radioprogramm bestritten hätte. Nicht das die Idee nicht ihren Reiz hätte… nein, John Peel kam, unter dem Druck der “Needle Time” Regel, auf eine viel genialere Idee.
Warum nicht die Bands ins BBC Studio einladen, ein, zwei, drei Titel einspielen lassen, das ganze rough and ready mixen und wenige Stunden später über den Äther schicken? Die Infrastruktur war bei der BBC ja hinreichend vorhanden. Studios, Equipment, Sendemöglichkeit, alles im Überfluß vorhanden und so fehlte es eigentlich nur an jemanden mit einem Gespür für gute und spannende Musik. Musik die neugierig auf mehr macht, Musik die anregt in die Clubs zu gehen um die vorgestellten Bands live zu sehen, Musik die neugierig darauf macht die Tonträger der Bands im Plattenladen zu kaufen. John Peel war dieser Mann mit dem untrüglichen Gespür. Ein Seher ohne Scheuklappen, der auch mal als Chauffeur von Captain Beefheart unterwegs war oder im Tausch gegen ein Schnellimbißgericht vom Inder die erste Platte von Billy Bragg spielte. Ob nun Blues, Folk, Punk, Alternative, Brit Pop, HipHop oder Dance, da wo es spannend war, waren auch die Ohren von John Peel.
Das großartige an John Peel’s Idee war: sie funktionierte offenbar. An die 4000 Sessions mit ca. 2000 Künstlern, davon 32 mal The Fall. Erstaunlich, das es noch Bands gab’ die Peel nicht im Programm hatte, die aber zu seinen Wunschgästen gehörten. Noch erstaunlicher, das darunter Grateful Dead waren, erinnert man sich, wenn man an John Peel denkt, doch vor allem an seine Verdienste um Punk und Verwandtes. Widerum nicht verwunderlich, wenn man bedenkt das es gerade die Band um Karl Marx Jerry Garcia war, die die “Needle Time” auf ihre Art als Idee aufgenommen haben. Wie jede Band, die Platten aufnahm, wollten die Deadheads natürlich auch Platten verkaufen (und taten das durchaus erfolgreich). Über die Idee hinaus, Platten zu verkaufen, war es Grateful Dead ein Anliegen ihre Musik zu verbreiten. Die Deads erlaubten ihren Fans Konzerte mitzuschneiden und zu verbreiten. Es gab für die Konzerte extra Bereiche in denen sich die Fans mit ihren Tonbandgeräten optimal platzieren konnten. Diese Idee des Konzert Recordings und der Verbreitung durch Fans, nahmen übrigens auch späteren Napster Gegner am Anfang ihrer Karriere auf. Heute finden sich unter archive.org/gratefuldead ca. 3000 Grateful Dead Gigs zum download oder zum streamen…
Peel war von dem selben Geist beseelt. Musik verbreiten. Spannende, interessante, gute Musik. Dabei war es nicht erheblich ob die Musik nun kommerziell besonders gut oder schlecht verwertbar war. Im Gegenteil, Peel kannte die Spielregeln, niemand zwang ihn vom kleinen anarchischen Piratensender zum kommerziellen BBC Radio 1 und von dort mußte er nicht zu Top of the Pops geprügelt werden. Es ging ihm nicht um Dogmatismus, Kommerz war nicht gleich Bäh Bäh, es ging ihm vor allem um Musik. Kommerz ging sehr wohl, selbst im Duett mit Bäh Bäh.
“You know, Aretha Franklin can make any old rubbish sound good, and I think she just has.”
John Peel - Nach dem Top of the Pops Auftritt von Aretha Franklin mit George Micheal.
So, hier jetzt einen kleinen Break im Beitrag. Später mehr. Jetzt erstmal weiterlesen, hier: Spreeblick - Einfach nur mal angenommen, man würde sich Gedanken um ein Unterhaltungslabel der digitalen Gegenwart machen
… und hier, beim Haarbueschel - Wie man mit Musik in Zukunft Geld verdienen will: Das ist ein Thema, an dem sich seit langem viele schlaue Menschen abarbeiten…
Dieser Beitrag ist Bernd Gärtig (* 1952 - † 1994) gewidmet. Auf seiner Strat hab’ ich meine ersten Gehversuche auf der Logo Bühne unternommen. Bernd war einer der liebenswertesten und höflichsten Menschen, die ich im Music Biz kennenlernen durfte.
Kommentare
2 Kommentare zu “Jam & more revisited”
Na, dann mal los!
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So oder so ähnlich schrieb ich bereits:
- Home F*cking
- Here goes the summer
- Toni Mahoni, Nierengurt und ein runder Abend an der Essbar
- Der Boss kommt an die Elbe...
- Alternative zu Katzenbildern
- Happy Birthday, Merle & Spreeblick
- Publish it. Write it. Sing it.
- EMI mit ohne DRM und Sony mit ohne Plastik
- Jemand zu Hause?
- Das Album ist tot, es lebe...
- Die Elvis Glaskugel
- Alles wird gut (?)
- Viraler Griff ins Klo
- Irgendwie Presse
- eiDiskette
- Culture Club
- Pussy Radio
- Radio Radio
- Indiziert
- Top 42
- Reduzierte Brillen Teil II
- Notizblog No.11
- Geh ma' Lizenz machen
- Webzwopunk(t)null in Bild und Ton
- Gehörnt nochmal revisited
- Grundsatz Renner
- Netlabelmania und der gute Schwede
- Neubauten (fast) ohne Industrie
- Netz füttern
- Ab in den Korb
- Here comes the Summer
- Echo aus dem Südwesten
- Echo Echo

Wow, danke! Super intererssant, wusste ich gar nicht, daas sich die Sessions so entwickelt haben…
Hallo bOOgie,
Bernd Gärtig. Den habe ich mit Neil Landon Ende der 70er bestimmt drei- oder viermal im Leinedomizil in Hannover gesehen. Meistens mit einer Strat, einmal mit einer Goldtop und einem HH-Amp, letzterer klang ätzend. Beeindruckender song- und band-dienlicher Gitarrist. Schade, dass er nichts mehr zum guten Ton beitragen kann. Aussensaitigen Gruß, Michael