Der Fisch stinkt vom Kopf oder auf den Hund gekommen?

Soweit schon mal klar, die Abmahnung der Universal Music gegen Jeriko One geht gar nicht. Wir erinnern uns: Nine Inch Nails lassen auf dem Scheißhaus einer Lissaboner Konzerthalle einen USB-Stick mit einem unveröffentlichen Titel des kommenden Albums “Year Zero” liegen, Fans finden den, der Song wird zum Puzzlesteinchen eines Alternate Reality Games (ist das Second Life für den Industrialrocker von heute?), der Song findet u.a. auch den Weg auf einen Blog in D-Land, wird dort in beschißener Soundqualität gestreamt (weil der Fan nicht will, das NIN weniger Platten verkauft, wenn man den Song unbearbeitet in der Originalqualität vom USB-Stick zum Download anbieten würde) und zum Lohn Hohn fängt sich der Fan eine dreistellige Abmahnung der Rechtsabteilung der Universal Music ein. Fan zahlt, wenn auch (mehr als verständlich) murrend. Soweit so bescheiden.

Jetzt hat die Universal wohl, zum NIN-Tourstart, in einer Pressemitteilung die virale Stolperfalle beworben, natürlich mit dem Hinweis, man möge auf den Scheißhäusern die Augen aufhalten, da sich geldgeile Rechtsanwälte hinter den Kloschüsseln versteckt halten könnten da man ja seit Lissabon wüßte, das die Band gern mal USB-Sticks verliert.

So wurden z. B. auf einer Toilette der Konzerte in Lissabon ein USB-Stick mit einem Song des neuen Albums gefunden, letzte Woche dann sogar das Video zur ersten Single „Survivalism“ - ebenfalls auf einem Konzert und auf einem USB-Stick – und das alles bevor es irgendwo auf einem Musiksender zu sehen oder zu hören war. Bleibt abzuwarten, ob den deutschen Fans ein ähnliches Vergnügen auf der am Mittwoch startenden Tour vergönnt ist.

Vergönnt? Ob dieser Dreistigkeit - von dreistelliger “Vergnügenssteuer” steht da natürlich kein Wort - geht natürlich wieder ein Murren und Klagen durch Teile der Blogosphäre. Wobei das Murren jetzt ein bischen spät kommt. Okay, wir waren mit Hausbootparties und Kapuzenmännchen malen beschäftigt, doch die Universal, die angeblich zum Zeitpunkt der Abmahnung gegen Jeriko One keine Ahnung von der Marketing Kampagne hatte, bewarb schon am 08.03. das Scheißhaussuchspiel:

Also: Augen auf, wenn ihr euch in der Nähe der Band befindet und immer schön die Toiletten checken, da wurde schon öfter was gefunden!

Trotzdem, ich kann die Aufregung voll und ganz verstehen und werd’ mich auch mit einer Mail an Frank Briegmann (frank.briegmann[ät]umusic[dot]com), Geschäftsführer der Universal, wenden. Gute Idee von Carsten Dobschat. Hat Spreeblick-Johnny eigentlich inzwischen Antwort auf seine Mail bekommen?

Was mich nochmal so ganz nebenbei interessieren würde: was sagt eigentlich Herr Reznor zu der Geschichte? Weiß er überhaupt davon? Der Mann soll doch in Sachen Internet ganz gut zu Fuß sein. Hat sich da mal jemand hintergeklemmt? z.B. über die Fanforen, die er ja auch regelmäßig besuchen soll? Denkt bei solchen Aktionen eigentlich mal jemand an die Fans? Und warum mahnt sich die Universal nicht einfach mal selbst ab, z.B. für das Verlinken auf das YouTube Video von Survivalism, das auf einem USB-Stick nach einem Londoner Konzert gefunden wurde. Schließlich verlinkt man das Video auch auf der Vertigo Seite, wo am 08.03. zur Scheißhausschnitzeljagd aufgerufen wurde. Ich würde wirklich gern mal ein Wort vom Herrn Künstler himself dazu hören. Wie steht’s in diesem Fall mit seiner Systemkritik?

Ein schönes Beispiel, wie man sich als Künstler gegenüber der Plattenfirma positionieren kann, lieferte vor längerer Zeit Danny Dziuk. Da ging es zwar nicht um USB-Sticks in Kloschüsseln, aber im weitesten Sinne auch um eine Aktion seiner damaligen Plattenfirma, die ziemlich für’n Arsch war. Die Doppel-CD “Du ziehst keinen Hering mehr vom Teller/Oil” (CD1 Demo Titel von Danny, CD2 eine Gemeinschaftsproduktion von Jerry Joseph und Dziuks Küche) sollte laut Absprache von Danny mit der Plattenfirma für günstige 5,– € auf den Markt kommen. Die Plattenfirma zickte natürlich und hielt sich nicht an die Absprache und so bot Danny auf seiner Website die Doppel-CD, gegen freigemachten Rückumschlag und einem 5,– € Schein, an. Feine Idee damals. Allein “Es war nicht der Hund” war schon die 5,– € wert. Das Video wurde übrigens nicht auf einem Klo gefunden. Und eine Scheißhausschnitzeljagd wird es zur aktuellen Tour auch nicht geben.

[Edit 17.03. 01:16 Uhr: Falk hat es im Kommentar schon angedeuted, das sich etwas tut. Das kann ich soweit jetzt auch bestätigen. Nach dem Wochenende wissen wir mehr.]

[Edit 20.03.: Die Universal hat die Abmahnung zurückgezogen. s. Alles wird gut (?)]

Kommentare

7 Kommentare zu “Der Fisch stinkt vom Kopf oder auf den Hund gekommen?”

  1. Falk am 16. März 2007 10:51 pm

    Wobei das Murren jetzt ein bischen spät kommt.

    Nicht unbedingt, wenn ich die Mail von Christoph am späten Nachmittag richtig verstanden habe :)

  2. Boogie am 16. März 2007 10:58 pm

    Wenn ich den :) richtig deute, dann weißt du was positives? Ich bin gespannt. Wäre ja mal eine feine Nachricht wenn Murren mal hilft ;)

  3. Falk am 16. März 2007 11:06 pm

    Christoph sein Blog geht am Sonntag wieder online und er wird was dazu schreiben. Denke, dass ich das hier sagen darf.

  4. Prospero am 16. März 2007 11:42 pm

    Och - ich würde nicht sagen dass die Blogosphäre zu spät reagiert hat. Es war ja gerade die recht missraten formulierte Pressemeldung, die jetzt offenbar einiges bewegt hat. Und besser spät als wenn das Thema nicht zur Sprache gekommen wäre.
    Fürs Protokoll: Universal ist wohl nicht eine der schnellsten Firmen wenns um Email-Anfragen geht - aber das ist die GEMA auch nicht. ;-)
    Ad Astra

  5. Boogie am 17. März 2007 2:21 am

    @ Prospero: Natürlich hast du Recht. Besser spät als nie und schneller als die GEMA sind wir allemal ;) Es bleibt spannend.

  6. musikdieb.de » Die aktuellen Links am 18. März 2007 4:10 am

    […] Ein anderes Thema, über das ich noch nicht geschrieben habe, aber aufgrund meiner “Mission” eigentlich müsste, ist die Geschichte mit dieser viralen Marketingkampagne und dem Blogger Jeriko One. Das liegt daran, dass ich virale Mareketingkampagnen grundsätzlich möglichst ignoriere, da man auch mit Negativ-Berichten dem Werber Aufmerksamkeit verschafft. Also lieber totschweigen, aber ihr könnt’s bei Boogie nachlesen. […]

  7. Casa Rockt! » Der Udo und die Angela am 11. Mai 2007 7:56 am

    […] wenn jemand z. B. ein P2P-Tool genutzt hat? Oder wenn er, ohne wirklich böse Absicht, ein durch virales Marketing verbreitetes Musikstück auf seiner Seite zum reinhören verbreitet? Dann nehmt den Autofahrern, die ein Strafzettel […]

Na, dann mal los!





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