Klassenfahrt

Ich kann mich noch gut an unsere Klassenfahrten erinnern. Klassenfahrt, dieses Wort hast du für alle Zeit geprägt. Klassenfahrten waren unsere gemeinsamen Gigs. Wir da oben auf der Bühne, du da unten, Master of Desaster und Schallereignisssortierung. Und es machte keinen Unterschied, ob unten oder oben. Wo du warst, war Klassenfahrt. Oder betreutes Proben auf der Bühne, wie du es oft nanntest. Natürlich gab es auch Gigs ohne Dich. Aber das waren keine Klassenfahrten. Not even close. So manches mal gab es unhübschen Streit. Weil wir vergessen hatten, dich zu fragen ob du mitkommst. Manchmal gab es unhübschen Streit, weil dein zweiter Name alter Starrkopf war. Und? Ohne dich waren es keine Klassenfahrten. Klassenfahrten waren bei dir im Volvo sitzen, dir Johnny Cash vorspielen und du kanntest die American Recordings noch gar nicht. Dabei warst du der größte Townes Van Zandt Fan, den ich kannte und ich kannte Drive By Truckers nicht und so wechselten wir so manchen Plattentipp. Klassenfahrt war, sich mit dem Volvo auf einer regennassen Autobahnabfahrt um die eigene Achse zu drehen. Alle waren aufgeregt und nur du bliebst cool. Klassenfahrt war an einem verfickten See, irgendwo in den Bergen Österreichs, dort wo Harleys und Hasen sich gute Nacht sagten, in einem ebenso eiskalten wie leeren 2000 Seelen-Zelt vom örtlichen Veranstaltertonfreggel verarscht zu werden und dem dummen Sack auch noch das Leben zu retten. Du hast dich halt ungern verarschen lassen. Und wir wollten keine schwedisch-österreichische Gardinen kennenlernen. Klassenfahrt waren aber auch die ungezählten Gespräche, Wodka-Lemon zum Frühstück, gemeinsam Lachen, dein unfassbares Talent Witze auch auf irisch oder schottisch zu erzählen, immer zu wissen was ging und wenn es nicht ging, hast du es zum laufen gebracht. Klassenfahrten ohne dich werden nie wieder Klassenfahrten sein.
Natürlich warst du weit mehr als die Summe der Erinnerung an unsere gemeinsamen Gigs. Du warst vor allem Freund und das nicht zu knapp. Ein streitbarer Silberrücken. So wie ein gemeinsamer Freund damals schrieb:
Klar war es klar, das er die Kerze mit dem Flammenwerfer bearbeitet. Aber doch nicht in echt und wirklich…. Ich dachte irgendwie der bekommt die Kurve und sitzt als Mönch auf einem Gipfel und ab und an schlägt er sich mit dem Mönch auf dem Nachbargipfel, weil der ihm mal wieder dumm gekommen war. Hätte ich ihm gegönnt, ein wenig Ruhe, irgendeinen Trick hätte ich ihm gerne verraten, wie er mit dieser ungeheuren Wut klarkommt, die er in sich drinnen hatte und die doch überhaupt nicht zu ihm paßte. Leider war er ja weit entfernt davon zuzuhören.
Heute vor einem Jahr bist du zu deiner letzten Klassenfahrt aufgebrochen. Morgens um halb neun. Ohne uns. Danke das du da warst.
Kommentare
5 Kommentare zu “Klassenfahrt”
Na, dann mal los!
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dings @ identi.ca
Habe ich gern gelesen. Schöner wehmütiger Text. “Silberrücken”. Schönes Wort.
Wer mit einem so großartigen Lied wie “Rowing my boat” auf Klassenfahrt begleitet wird, der weiß, dass er nicht ganz weg ist.
Toller Text! Toller Song!
Klassenfahrt. Nach Klassenkameradinnen schmachten, durch die Eifel wandern oder Heuschnupfenattacken am Limes kriegen. Immer hoffen, nicht mit den Deppen auf ein Zimmer zu kommen, sondern mit den coolen Leuten. Konzeptalben scheiße finden und mit Udo diskutieren, ob nun der Bolero von ELO im Vergleich zu Ravels irgendeinen Wert hat. Mit Kirschwasser geschwängerte Eisbecher essen und gelobt werden, dass man nicht - wie die coolen Leute, auf deren Zimmer man nicht landete - nicht dem Alkoholabusus frönte.
“Uncle Albert/Admiral Halsey” gut finden, obwohl alle Paulefans das Lied hassen. “Laughing Gnome” toll finden, obwohl alle Bowiefans es verachten.
Sailor mögen. Bei einer Freundin den Starschnitt von Suzie Quatro bewundern.
30 Jahre später bei TIDE aus einem Schnittplatz kommen und plötzlich vor Suzie Quatro stehen, die zum Klo will und sehr freundlich ist.
“Oh, Suzie Quatro …”, sagen, mit offenem Mund atmen und ziemlich dämlich aussehen, weil man immer noch kein Bett im Zimmer bei den coolen Typen hat.
Die schönen blauen Adidas-Schuhe von Starsky passten mir dann natürlich nicht, als ich sie mir hätte leisten können. Zu hoher Spann …
Mit Silberrücken hast Du es wirklich wunderbar auf den Punkt gebracht. War gestern im Karo-Viertel unterwegs und irgendwie habe ich immer noch das Gefühl, dass Nick da jederzeit um die Ecke kommen kann. Tja. Wenn wir im Januar und Februar wieder klassenreisen, werden wir einen Platz für ihn frei lassen. Zur Not nehmen wir ein Auto mehr.
Ich kannte den “Silberrücken” zwar nicht, aber ich kann mir nach diesem Text sehr gut vorstellen, wie er war.
Wenn man lange genug sucht, findet man hie und da einfach gute Texte, die aus der Seele kommen.
Danke dafür …